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Florale Interventionen –
Hagebutten, Blüten, Kirschen, Gräser, Kleeblatt, Tulpen

„Im Atelier in tagelangem Aneinanderfügen und Verschweißen rechteckig formatierter kleiner Stahlstücke – zuvor aus dem normierten Maß einer von der Industrie gepressten Platte zerteilt – entsteht eine neue Arbeit. Das in Stahl gefasste Stück ‚Glück’, der Form eines vierblättrigen Kleeblatts entlehnt. Ornament in fremdem Körper. Florales Stilleben“ (aus einem Brief von Bruno Feger, Januar 2005).

Wie kommt es, dass sich die meist dem Dekorativen zugeordnete und ästhetisch vielfach verschmähte Blume im ausgehenden 20. Jahrhundert wieder neuer Beliebtheit erfreut, dass nahezu ein Rückgriff auf Blumen- und Pflanzenmotive zu beobachten ist, wie es auch der Florale Stil vor 1900 schon einmal unternahm, als er das Vegetabile zu einem Hauptthema erhob? Damals reformierte der Jugendstil als geistige Erneuerungs- und Jugendbewegung international den Einsatz vegetabiler Formen als Abkehr von historischen Prägungen und auf der Suche nach Neuem. In seiner floralen Richtung wies er dabei eine Neigung zum Vegetabilen mit oftmals symbolischen Bezügen auf. In Architektur und Malerei, in der Alltagskultur als Ornament sowie auf Plakaten und kunsthandwerklichen Objekten fanden sich neue, meist dem Pflanzlichen und einer bestimmten Tierwelt entlehnte dekorative Linien. Um 1900 in der Epoche der Hochindustrialisierung und Technisierung setzten Künstler/innen dem Industriegrau und dem Akademiebraun des 19. Jahrhunderts eine kreative neue Sinnlichkeit als Ausdruck des naturnahen Lebens entgegen. Darin offenbarte sich die Abwendung vom starren Akademismus, überkommenem Traditionalismus und zitierendem Historismus. Das Unverfälschte, Unverdorbene, Echte sollte hervorkommen und sich gegen festgefahrene Moral und enge Konventionen der Erwachsenenwelt durchsetzen. Dieses mündete schließlich in einer Jugendbewegung, die alle Lebensbereiche in vielen Ländern Europas erfasste.
Von da an durchstreifte die gesellschaftliche Motivation eines ‚Flower Powers’ fortwährend das 20. Jahrhundert. Blumen- und Pflanzendarstellungen in der Zeit der Klassischen Moderne von Vincent van Gogh, Henri Matisse, Claude Monet, Emil Nolde, Auguste Renoir und vielen anderen reformierten die Gattung des intimen Stilllebens und der Gartenstücke durch Farbenreichtum und emotionale Ausdruckskraft. So gelten van Goghs blühende Zweige und Bäume als symbolisch bedeutungsvolle Gegenstände oder die Sonnenblumen als weltanschauliche Bekenntnisse mit hohem Gleichnischarakter.

In der Nachkriegszeit wird im Kontext des Stilllebens als eines der großen ‚Standardthemen’ die blühende oder verwelkende Pflanze ohne repräsentative Arrangements als Motiv aufgegriffen. Es zeigt sich ein breites Spektrum an individuellen formalen und inhaltlichen Ansätzen mit einer Neigung zu allgemeinen Sinnbildern und Existenzallegorien. Hierbei spielt kaum die traditionelle Ikonographie des Stilllebens eine Rolle, vielmehr appellieren die Künstler/innen an die Werte eines naturnahen, gemeinschaftlichen Lebens. Sie entwickeln ein eigenes ikonographisches Programm, das seinen Ursprung auch in der Auseinandersetzung mit bestimmten Geistesströmungen hat. Damit einher geht die Studenten- und Hippiebewegung der sechziger Jahre, in denen Blumen als Symbol gegen Krieg, Naturzerstörung und als Systemkritik eingesetzt werden. Mit ihrem utopischen Entwurf einer humanen und friedlichen Welt stehen die Kunstschaffenden der konkreten, politisch aufgewühlten Zeit gegenüber.

In der Kunstpräsentation und -rezeption der letzten Jahre bereiten immer wieder Ausstellungen und Publikationen das Thema auf: Sie zeigen die Traditionslinie des Blumenstilllebens von der Antike bis heute oder stellen Künstler als Gärtner und Naturforscher vor. Sie konzentrieren sich innerhalb eines Œuvres auf den einen Aspekt von Pflanzen- oder Landschaftsdarstellungen und eröffnen damit den Diskurs über Kunst und Natur durch die Jahrhunderte. Die bevorzugte Zeitspanne liegt dabei zwischen dem 17. Jahrhundert und der Klassischen Moderne. Eher selten werden Merkmale einer Werkstruktur untersucht, die die spezifische Beziehung zwischen Mensch respektive Künstlerindividuum und Natur offenlegt; ein Themenfeld, das für zeitgenössische Positionen jedoch zunehmend an Aktualität gewinnt.

Im ausgehenden 20. Jahrhundert werden vor dem Hintergrund der Urbanisierung, Automatisierung und Digitalisierung aller Lebensbereiche Entfremdung und Abstraktion vorangetrieben. Dieses ruft nun die Generation der in den 60er und 70er Jahren Geborenen auf die Bühne, deren Schaffenszeit diesmal eine Jahrtausendwende markiert. Immer wieder greifen diese Künstlerinnen und Künstler florale Motive auf, beschäftigen sich in unterschiedlichsten Darstellungsformen und Gestaltungsmedien mit Blumen, Pflanzen, Landschaft oder Gartenanlagen. Teils kritisch motiviert, teils eine neu ‚erblühende’ Ästhetik propagierend, lassen sich abermals mannigfaltige formale und inhaltliche Ansätze erkennen.

Vor diesem schlaglichtartig beleuchteten Hintergrund wird die Position des 1962 geborenen Bruno Fegers vor allem im Hinblick auf eine sehr persönlich motivierte Auseinandersetzung mit Natur und Pflanzen relevant. Eine Annäherung an die Werkstruktur seiner Skulpturen und Objekte wird im Folgenden vorgenommen. Den Arbeiten liegen eine intensive Beschäftigung und eine tiefe emotionale Berührtheit mit Pflanzen und Blumen zugrunde, mit höheren und niedrigeren Arten gleichermaßen. Vielleicht ist es gerade die emotionale Berührtheit, die den Diskurs über Kunst und Natur eröffnet und darin die Beziehung zwischen Mensch und Natur zum Thema macht.
Fegers Beziehung zum Natürlichen, zu Pflanzen und organischer Körperlichkeit gleichermaßen, wird hier nicht als malerische Landschaft oder Stillleben präsentiert, sondern in skulpturalen Objekten, die nach der Natur entstanden sind und oftmals in der Natur wieder zur Aufstellung kommen. Hierbei fungiert Natur auf doppelte Weise: als Quelle der künstlerischen Inspiration und als Ort für die Objekte, die sich als florale Interventionen in die sie umgebende Landschaft einbringen.

Den Ausgangpunkt der bislang entstandenen floralen Motivgruppen bilden die Hagebutten, die Feger seit 1995 fertigt. Sie bestehen im unteren Teil aus einem in den Boden eingelassenen, dunkelgrün lackierten Stahlrohr, das sich in unterschiedlicher Länge und verschieden stark gebogen in die Höhe schwingt. Am oberen Ende des Rohrs ist ein mit roter Polyesterfarbe überzogener, knospenförmiger Wachskörper angebracht, der sich als Blütenkopf in entsprechend unregelmäßigen Formen und Ausmaßen darstellt. Beständiger, harter, stabiler Stahl wird mit weichem, verletzbarem Wachs kombiniert. Die Formen der einzelnen Pflanze werden nicht im Detail, sondern im Gesamt erfasst, dem ein hoher Grad an Abstraktion zugrunde liegt. Dies führt zu einer Reduktion auf Grundform und Grundlinien ihres Erscheinens in der Natur und lässt den jeweiligen Urtypus auch bei den nachfolgend entstehenden Gewächsen erkennen.